Wer einen Deutschen Schäferhund, eine Dogge oder einen Berner Sennenhund aufzieht, steht in den ersten Lebensmonaten vor einer Aufgabe, die viele unterschätzen: die Ernährung des Welpen so zu gestalten, dass der Körper zwar wächst, aber nicht zu schnell. Das klingt paradox, ist aber physiologisch gut belegt. Zu rasches Wachstum bei großen Rassen schädigt Knochen und Gelenke dauerhaft. Und die häufigste Ursache dafür ist falsches Futter.
Warum große Rassen eigene Regeln brauchen
Ein Labrador-Welpe und ein Chihuahua-Welpe sind beide Hunde, aber ernährungsphysiologisch kaum vergleichbar. Rassen, die im Erwachsenenalter mehr als 25 Kilogramm wiegen, gelten als groß, ab 45 Kilogramm spricht man von Riesenrassen. Dazu zählen Neufundländer, Leonberger, Rottweiler oder die Deutsche Dogge, die mit bis zu 90 Kilogramm ausgewachsen sein kann.
Das Skelett dieser Tiere wächst deutlich länger als bei kleinen Rassen. Ein Chihuahua ist mit etwa 8 Monaten ausgewachsen, eine Dogge erst mit 18 bis 24 Monaten. In dieser langen Wachstumsphase sind Knorpel und Wachstumsfugen besonders anfällig. Zu viel Energie, zu viel Kalzium oder ein falsches Kalzium-Phosphor-Verhältnis können Osteochondrose oder Hüftdysplasie begünstigen, auch wenn genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen.
Energiedichte: Weniger ist mehr
Der häufigste Fehler bei der Fütterung großer Welpen ist es, ihnen Futter zu geben, das für kleine oder mittelgroße Hunde optimiert wurde. Solche Produkte haben oft eine hohe Energiedichte, weil kleine Hunde pro Kilogramm Körpergewicht mehr Energie benötigen. Für einen Doggen-Welpen, der sowieso schnell zunimmt, ist das problematisch.
Konkret: Ein Futter für große Rassen sollte im Welpenbereich etwa 3.200 bis 3.500 Kilokalorien pro Kilogramm Trockenmasse enthalten. Standard-Welpenfutter liegt oft bei 3.800 bis über 4.000 Kilokalorien. Der Unterschied klingt gering, summiert sich aber über Monate. Wer täglich 30 bis 40 Gramm Futter zu viel gibt, bringt einem Berner-Welpen in drei Monaten bis zu einem Kilogramm zusätzliches Körpergewicht. Das belastet die noch nicht ausgehärteten Gelenke erheblich.
Kalzium und Phosphor: Die kritischen Mineralstoffe
Gerade bei selbst zubereiteter Rohkost oder beim Barfen wird das Kalzium-Phosphor-Verhältnis häufig falsch eingeschätzt. Fleisch enthält viel Phosphor und wenig Kalzium. Wer dem Welpen ausschließlich Muskelfleisch gibt und keine Knochen oder Kalziumquellen ergänzt, riskiert eine Demineralisierung des Skeletts. Umgekehrt führt zu viel Kalzium aus Supplementen zu unkontrolliertem Knochenwachstum.
Für Welpen großer Rassen empfehlen Veterinärernährungsspezialisten ein Kalzium-Phosphor-Verhältnis zwischen 1,2:1 und 1,4:1. Der Kalziumgehalt im Futter sollte bei etwa 1,0 bis 1,3 Prozent der Trockenmasse liegen. Wichtig: Kalziumpräparate sollten bei Fertigfutter grundsätzlich nicht zusätzlich gegeben werden, da eine Überversorgung deutlich gefährlicher ist als eine leichte Unterversorgung.
Worauf bei der Etikettenlektüre zu achten ist
Viele Hundehalter lesen die Nährwertangaben auf Hundefutterpackungen nicht, weil die Aufmachung verwirrend ist. Tatsächlich reichen wenige Kennzahlen, um ein Futter grob einzuschätzen:
- Rohprotein: Sollte zwischen 28 und 32 Prozent Trockenmasse liegen, nicht darüber.
- Rohfett: 10 bis 15 Prozent Trockenmasse sind für wachsende große Rassen sinnvoll.
- Kalzium: 1,0 bis 1,3 Prozent Trockenmasse, nicht supplementiert.
- Energiegehalt: Möglichst unter 3.600 Kilokalorien pro Kilogramm.
- Kennzeichnung: Aufdruck „für große Rassen” oder „large breed” ist kein Marketingbegriff, sondern sollte tatsächlich eine angepasste Nährstoffformel bedeuten.
Wer sich durch das Angebot nicht sicher navigieren kann, findet beim Thema rassespezifisches Hundefutter hilfreiche Orientierung, welche Formeln für welche Körpergewichtsklassen und Wachstumsphasen geeignet sind.
Fütterungsfrequenz und Portionsgrößen
Wie oft ein Welpe fressen sollte, hängt vom Alter ab. Bis zur 12. Lebenswoche sind vier Mahlzeiten täglich sinnvoll, danach reichen drei. Ab dem sechsten Monat kommen viele Halter mit zwei Mahlzeiten aus. Wichtig ist dabei, dass die Tagesration auf die Mahlzeiten aufgeteilt wird, nicht jede Mahlzeit die volle Portion enthält.
Die Packungsangaben auf Fertigfutter sind Richtwerte und beziehen sich auf das erwartete Erwachsenengewicht, nicht das aktuelle. Ein Rottweiler-Welpe mit aktuell 12 Kilogramm, der als Erwachsener 45 Kilogramm wiegen wird, braucht eine Portion, die an diesem Zielgewicht orientiert ist, aber natürlich deutlich reduziert für seine aktuelle Körpergröße. Die meisten Hersteller großer Rassen-Welpennahrung geben in ihrer Tabelle das Alter und das erwartete Endgewicht als Achsen an, was die Orientierung vereinfacht.
Typische Fehler im ersten Lebensjahr
Neben zu hoher Energiedichte und falschen Mineralstoffverhältnissen gibt es weitere verbreitete Fehler. Besonders häufig: Kauknochen oder Rindermarkknochen als Kalziumquelle zu sehen und unbegrenzt anzubieten. Markknochen enthalten vor allem Fett, kein nennenswert resorbierbares Kalzium. Außerdem können sie bei Welpen zu Verstopfungen führen oder Zahnschäden verursachen.
Ein weiterer Punkt betrifft Leckerlis. Wer seinem Doggen-Welpen täglich 150 Gramm Hauptfutter und dazu mehrfach Fleischstreifen oder Käsestücke gibt, hat die Energiebilanz längst aus dem Gleichgewicht gebracht, ohne es zu merken. Leckerlis sollten bei großen Welpen nicht mehr als fünf Prozent der Tagesration ausmachen, und dieser Anteil muss von der Hauptfuttermenge abgezogen werden.
Wann der Wechsel auf Erwachsenenfutter ansteht
Den Zeitpunkt des Futterwechsels unterschätzen viele Halter. Bei kleinen Rassen ist mit 10 bis 12 Monaten Schluss mit Welpenfutter. Bei großen Rassen sollte der Wechsel nicht vor dem 15. Monat erfolgen, bei Riesenrassen wie Dogge oder Neufundländer erst mit 18 bis 24 Monaten. Zu früh gewechseltes Futter kann den Körper in der letzten Wachstumsphase unterversorgen.
Der Wechsel selbst sollte schrittweise über 10 bis 14 Tage erfolgen: In den ersten vier Tagen wird ein Viertel der Ration durch das neue Futter ersetzt, dann die Hälfte, dann drei Viertel. So gewöhnt sich die Darmflora an die veränderte Zusammensetzung, und Durchfall bleibt meistens aus. Ein Gewicht des Hundes, das sich alle zwei Wochen leicht erhöht statt sprunghaft, ist das verlässlichste Zeichen, dass Futter und Menge passen.
Wer von Anfang an die richtigen Weichen stellt, gibt seinem großen Hund die beste Voraussetzung für gesunde Gelenke, ein stabiles Skelett und eine lange aktive Zeit, ob das nun im Schwarzwald beim Wandern ist oder einfach auf dem Sofa zuhause.


