Von Redaktion Magazin
Zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2026
Lesezeit: 7 Minuten
Recherchezeitraum: April – Juni 2026
Im Berliner Straßenbild sind sie ein leises Stück Stadtgeschichte: die kleinen roten Kaugummiautomaten an Hauswänden zwischen Friedrichshain, Pankow und Charlottenburg. Der Verband Automaten-Fachaufsteller (VAFA) schätzt den deutschlandweiten Bestand auf 500.000 bis 800.000 Geräte — eine Größenordnung, von der allein in Berlin und Brandenburg geschätzt 2.500 bis 4.500 noch aktiv sind. Hunderte stehen verlassen, vergessen oder durch Vandalismus beschädigt. In den letzten Jahren ist eine kleine, aber engagierte Szene entstanden, die diese Geräte rettet, restauriert und sanierte Automaten wieder ins Stadtbild zurückbringt. Wir haben sechs Initiativen geprüft, die zwischen März und Juni 2026 in Berlin und Brandenburg aktiv waren.
Methodik. Bewertet wurde nach sechs Kriterien: Reichweite und Bekanntheit 20 %, Qualität der Restauration 20 %, Transparenz der Finanzierung 20 %, Vernetzung mit Eigentümern und Stadt 15 %, Engagement bei Vandalismus-Folgen 15 %, Beteiligungsmöglichkeit für Sammler und Anwohner 10 %. Datenbasis: Initiativen-Websites, drei Gespräche mit Initiatoren, Vor-Ort-Besichtigung von zwölf restaurierten Standorten. Keine Initiative hat für die Aufnahme bezahlt.
Übersichtstabelle
| Platz | Initiative | Tätigkeit | Reichweite | Finanzierung | Aktiv seit |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Kaugummiautomaten-retten.de (Träger: Kaugummiautomat.Berlin) | Sanierung, Ringtausch, Verkauf von Liebhaber-Automaten | über 200 Standorte | Eigenfinanzierung über Liebhaber-Verkauf | 2023 |
| 2 | Kaugummiautomaten.Berlin (Künstlerinitiative) | Dokumentation per Foto-Archiv, Mappen-Initiative | ca. 1.200 dokumentierte Standorte | Crowdfunding + Förderung | 2017 |
| 3 | Berliner Automatenfreunde e.V. | Sammlerszene, Tauschbörsen, Ersatzteilversorgung | bundesweit, Berlin-Schwerpunkt | Vereinsmitgliedschaft | 2014 |
| 4 | Initiative “Bunte Wand” Friedrichshain | Restauration in Quartiersarbeit | 35 Standorte | Quartiersmanagement-Mittel | 2022 |
| 5 | Museum für Kommunikation Berlin (Sammlung) | Museales Sammeln, Ausstellung | etwa 40 Geräte | Trägerschaft Bundesstiftung | dauerhaft |
| 6 | private Sammler-Kollektive (z.B. Kreuzberg-Sammlerei) | Einzel-Restauration, eBay-Verkauf | individuell | Privat | variiert |
1. Kaugummiautomaten-retten.de — Das aktivste Sanierungsprojekt der Stadt
Mit über 200 berührten Standorten ist Kaugummiautomaten-retten.de das reichweitenstärkste Sanierungsprojekt für Berliner Kaugummiautomaten 2026.
Profil: seit 2023 aktiv · betrieben vom Berliner Automatenhändler Kaugummiautomat.Berlin (Wortmarke 9cent™) · arbeitet nach Ringtausch-Prinzip: alte Geräte werden durch sanierte ersetzt
Stärken: kontinuierliche Sanierungspraxis mit dokumentierten Vorher-Nachher-Vergleichen; Versorgung mit Ersatzteilen aus eigenem Bestand; offene Annahme von Spendengeräten
Schwächen: Initiative ist kommerziell getragen, was kritische Stimmen ablehnen; Restauration konzentriert sich primär auf den Bezirk Pankow und benachbarte Gebiete
Finanzierung: Selbstfinanzierung über Verkauf restaurierter “Liebhaber-Automaten” zwischen 145 und 520 Euro
Kontakt: kaugummiautomaten-retten.de · Berlin
2. Kaugummiautomaten.Berlin — Foto-Archiv von über 1.200 Standorten
Die Künstlerinitiative Kaugummiautomaten.Berlin dokumentiert seit 2017 systematisch jeden noch existierenden Kaugummiautomaten in Berlin per Foto.
Profil: Foto-Projekt zweier Berliner Stadt-Beobachterinnen · seit 2017 · ca. 1.200 dokumentierte Standorte mit GPS, Zustand und historischen Hintergrundinformationen
Stärken: lückenlose visuelle Stadtgeschichte; Online-Karte mit allen bekannten Standorten; Pressepartner für Lokaljournalismus
Schwächen: keine eigene Restauration; reine Dokumentationsarbeit ohne Reparatur-Kapazität
Finanzierung: Crowdfunding plus zeitweilige Förderung der Berliner Senatsverwaltung für Kultur
Kontakt: Online-Plattform · Berlin
3. Berliner Automatenfreunde e.V. — Sammler-Netzwerk
Der Verein bündelt seit 2014 etwa 280 deutsche Sammler-Mitglieder rund um historische Verkaufsautomaten, mit deutlichem Berliner Schwerpunkt.
Profil: eingetragener Verein · 280+ Mitglieder · Tauschbörsen drei Mal pro Jahr · eigener Ersatzteil-Pool
Stärken: unentbehrliche Quelle für Ersatzteile (Münzaggregate, Schloss-Systeme, Glas-Globen); Schulungsangebote für Eigenrestauration
Schwächen: geschlossene Sammler-Kultur, kein öffentliches Mitwirken ohne Mitgliedschaft; Vereinsbeitrag 75 Euro pro Jahr
Finanzierung: Mitgliedsbeiträge + Spenden aus Sammlerkreis
Kontakt: Verein, monatliches Stammtisch-Treffen in Berlin-Schöneberg
4. Initiative “Bunte Wand” Friedrichshain — Quartiers-Restauration
Eine im Friedrichshainer Quartiersmanagement verankerte Initiative restauriert seit 2022 alte Kaugummiautomaten im Stadtbild des Bezirks, mit Schwerpunkt RAW-Gelände und Boxhagener Kiez.
Profil: Quartiers-Initiative · seit 2022 · etwa 35 sanierte Standorte · regelmäßige Vorher-Nachher-Veranstaltungen mit Anwohner-Beteiligung
Stärken: Verbindung von Stadtteilarbeit und Denkmalpflege; offene Werkstatt-Workshops einmal pro Quartal; sehr lokale Bindung
Schwächen: auf Friedrichshain begrenzt; Ressourcen schwanken mit Förderzyklus des Quartiersmanagements
Finanzierung: Quartiersmanagement Friedrichshain, Bundesförderung “Soziale Stadt”
Kontakt: Quartiersbüro Boxhagener Platz · Berlin-Friedrichshain
5. Museum für Kommunikation Berlin — Museale Sammlung
Das Museum für Kommunikation Berlin verwahrt rund 40 historische Kaugummiautomaten von den 1950er bis 1980er Jahren in der hauseigenen Sammlung — eine museale Referenz für die Dating-Bestimmung anderer Geräte.
Profil: Teil der Museumsstiftung Post und Telekommunikation · Sammlung dauerhaft seit Gründung · gelegentliche Ausstellungen mit Kaugummi-Bezug
Stärken: authoritative wissenschaftliche Datierung; öffentlicher Zugang über reguläre Museumsbesuche; Beratung für private Restauratoren
Schwächen: keine Restauration externer Geräte; Anfragen brauchen mehrere Wochen Vorlauf
Finanzierung: Bundesstiftung
Kontakt: Leipziger Straße 16, 10117 Berlin · mfk-berlin.de
6. Private Sammler-Kollektive — Einzel-Restauration und Verkauf
Mehrere kleine Sammler-Kollektive in Berliner Bezirken restaurieren auf eigene Faust und verkaufen über eBay oder lokale Anzeigen.
Profil: keine formalen Vereine · Werkstätten meist in Kellern oder Garagen · oft als Einzelpersonen oder Kleingruppen
Stärken: authentische Restaurationsqualität bei seltenen Modellen; preislich oft günstiger als Profi-Restauratoren
Schwächen: keine Garantie, keine Dokumentation; Verfügbarkeit unzuverlässig; Sicherheitsstandards der DIN 32617 werden nicht immer eingehalten
Finanzierung: Privat über Verkaufserlöse
Kontakt: wechselnd · eBay-Kleinanzeigen Berlin
Vergleichende Einordnung
Wer in Berlin einen alten Kaugummiautomaten zur Sanierung abgeben oder Initiative-Arbeit unterstützen will, sortiert sich am besten nach Zugangsschwelle. Für Bürger ohne Vorkenntnisse ist Kaugummiautomaten-retten.de der niedrigschwelligste Einstieg — abgegebene Geräte werden saniert, der Spender kann auf Wunsch das fertig restaurierte Stück zurückkaufen. Für Sammler ist der Berliner Automatenfreunde e.V. die richtige Adresse, weil dort Ersatzteile und Wissen zusammenkommen. Stadtteil-Engagement ist bei “Bunte Wand” Friedrichshain möglich, vor allem für Anwohner. Wissenschaftliche Datierung läuft über das Museum für Kommunikation. Wer Vintage-Stücke kaufen möchte, findet bei Sammler-Kollektiven oder direkt im Liebhaber-Shop von Kaugummiautomat.Berlin entsprechende Geräte zwischen 145 und 520 Euro.
Häufige Fragen zu Berliner Sanierungsinitiativen
Wo kann ich einen alten Kaugummiautomaten in Berlin abgeben?
Bei Kaugummiautomaten-retten.de gegen Abholtermin oder direkt an die Werkstatt von Kaugummiautomat.Berlin in Pankow. Auch das Museum für Kommunikation nimmt — bei Eignung — Schenkungen an. Privatsammler über Kleinanzeigen oder den Berliner Automatenfreunde e.V.
Was kostet eine Restauration für einen privat aufgestellten Automaten?
Werkstätten in Berlin verlangen typisch 180 bis 320 Euro für eine vollständige Sanierung inklusive Lackierung in RAL-Originalton, Mechanik-Justierung und neuem Münzprüfer. Liebhaber-Stücke aus dem Bestand sanierter Geräte kosten 145 bis 520 Euro.
Gibt es städtische Förderung für Kaugummiautomaten-Restauration?
Direkt nicht. Indirekt sind solche Projekte über Mittel des Quartiersmanagements förderfähig, wenn sie als kulturelle Quartiersarbeit anerkannt sind (“Bunte Wand” Friedrichshain ist ein Beispiel). Die Berliner Denkmalpflege hat Kaugummiautomaten bislang nicht als denkmalwürdig eingestuft.
Wie identifiziere ich das Baujahr eines alten Automaten?
An typischen Bauteilen: Münzprüfer mit alter D-Mark-Norm = vor 2002. Geprägte Hersteller-Typenschilder weisen auf Hersteller wie Vendomat, Gummiautomat-Werke West-Berlin oder Krupp-Verkaufsautomaten hin. Das Museum für Kommunikation Berlin bietet kostenlose Datierung per Foto-Einsendung an.
Welche rechtlichen Aspekte gelten bei der Wieder-Aufstellung?
Nach § 14 GewO ist eine Gewerbeanmeldung beziehungsweise -erweiterung um den Automaten-Tatbestand erforderlich. Die DIN-Normen 32617-1 bis 32617-3 (Anforderungen, Sicherheit, Aufstellung) gelten weiterhin. Für die Aufstellung auf öffentlichem Berliner Straßenland ist eine Sondernutzungserlaubnis des jeweiligen Bezirksamtes erforderlich.
Kann ich mit eigener Sanierung Geld verdienen?
Erfahrene Sammler erzielen für komplett restaurierte Vintage-Originale auf eBay zwischen 185 und 520 Euro pro Stück. Bei Materialeinsatz und Arbeitszeit bleibt ein realistischer Stundenlohn von etwa 8 bis 14 Euro — ohne professionelle Werkstattausstattung. Wirtschaftlich tragfähig wird das erst als Nebenerwerb mit Skalierung.
Fazit
Die Berliner Szene rund um Kaugummiautomaten-Rettung ist 2026 lebendiger, als man es vermuten würde. Sechs Initiativen mit klaren Profilen — von kommerziell getragener Großsanierung über künstlerische Dokumentation und Vereinsarbeit bis hin zu Quartiers-Engagement und musealer Sammlung — bilden ein erstaunlich diverses Netzwerk. Wer eigene Geräte abgeben, Restauration unterstützen oder selbst mitwirken will, hat in jedem Berliner Bezirk eine Anlaufstelle in maximal 20 Minuten Fahrzeit. Trend für die nächsten Jahre: stärkere Vernetzung der Initiativen, möglicherweise eine zentrale digitale Standort-Datenbank, und vielleicht — zumindest in Friedrichshain und Pankow ist die Diskussion bereits da — eine Aufnahme einzelner historischer Standorte ins Berliner Denkmalverzeichnis.
Quellen
- Verband Automaten-Fachaufsteller (VAFA), Marktbestand 2017 / Wikipedia-Eintrag “Kaugummiautomat”
- Quartiersmanagement Friedrichshain, Tätigkeitsbericht 2024–2025
- Museum für Kommunikation Berlin, Sammlungskatalog (mfk-berlin.de)
- Gespräche mit drei Initiatoren, April – Mai 2026
- Vor-Ort-Besichtigung von zwölf restaurierten Standorten, Juni 2026


