Wandern in Deutschland: Die stille Renaissance

Wer in den vergangenen zwei Jahren auf einem gut ausgeschilderten Fernwanderweg unterwegs war, kennt das Bild: Familien mit Kindern, Paare Mitte dreißig, Rentner mit Trekkingstöcken, und dazwischen immer häufiger auch junge Leute mit großen Rucksäcken und kleinen Budgets. Das Wandern, lange belächelt als Freizeitbeschäftigung für ältere Semester, hat sich demografisch geöffnet. Die Frage ist, warum das gerade jetzt passiert und ob der Trend trägt.

Was die Zahlen tatsächlich sagen

Der Statistischen Bundesamt zufolge verbrachten Deutsche im Jahr 2023 rund 70 Prozent ihrer Urlaubsreisen im Inland, ein Wert, der seit 2020 stabil über dem langjährigen Mittel liegt. Wandern rangiert dabei als beliebteste aktive Urlaubsaktivität, noch vor Radfahren und Schwimmen. Konkret: Laut einer Erhebung des Deutschen Wanderverbands aus dem gleichen Jahr bezeichnen sich rund 40 Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger als aktive Wanderer, davon etwa 10 Millionen, die mehr als zehn Mal pro Jahr längere Strecken zurücklegen.

Was auffällt, ist der Zuwachs bei den 25- bis 40-Jährigen. Diese Gruppe war in den 1990er- und 2000er-Jahren weitgehend abwesend. Heute stellt sie gut ein Viertel aller registrierten Fernwanderer auf Routen wie dem Rheinsteig, dem Malerweg in der Sächsischen Schweiz oder dem Altmühltal-Panoramaweg.

Drei Triebkräfte hinter dem Boom

Erstens: Die Infrastruktur hat sich verbessert. Deutschland verfügt inzwischen über mehr als 200.000 Kilometer markierte Wanderwege, viele davon in den vergangenen zehn Jahren zertifiziert oder saniert. Das Prädikat “Qualitätsweg Wanderbares Deutschland” vergibt der Deutsche Wanderverband nach strengen Kriterien; derzeit tragen es rund 90 Routen. Wer auf solchen Wegen unterwegs ist, findet verlässliche Beschilderung, gepflegte Ruhebänke und oft auch barrierefreie Abschnitte.

Zweitens: Fernreisen sind teurer und komplizierter geworden. Flugpreise, Hotelbuchungen auf Last-Minute-Basis, Visaänderungen in einzelnen Ländern, das alles hat viele dazu gebracht, das Nahegelegene zu erkunden. Die Sächsische Schweiz liegt von Dresden aus 40 Minuten mit der S-Bahn entfernt. Der Nationalpark Harz ist von Hannover mit dem Auto in gut einer Stunde erreichbar. Solche Vergleiche fallen inzwischen anders aus als früher.

Drittens, und das ist vielleicht der interessanteste Faktor: das Bewusstsein für körperliche und psychische Gesundheit. Das Umweltbundesamt hat in mehreren Studien dokumentiert, dass Aufenthalte in naturnahen Umgebungen messbare Effekte auf Stresshormone und Blutdruck haben. Dieser Befund ist inzwischen populär geworden, und Menschen, die früher ins Fitnessstudio gegangen wären, wählen stattdessen einen Vier-Stunden-Marsch durch den Schwarzwald.

Welche Routen gerade besonders gefragt sind

Besonders stark gewachsen ist das Interesse an mehrtägigen Etappenwanderungen. Das Format kennt man aus dem Camino de Santiago, und viele Wege in Deutschland orientieren sich inzwischen daran: geführte Etappen von 15 bis 25 Kilometern, Übernachtungen in Gasthäusern, Gepäcktransfer auf Wunsch. Wer sich einen Überblick über aktuelle Routen, Schwierigkeitsgrade und Ausrüstungstipps verschaffen will, findet auf Wandern in Deutschland eine gut strukturierte Anlaufstelle.

Unter den begehrtesten Routen stechen aktuell vier besonders hervor:

  • Rheinsteig (Wiesbaden bis Bonn, 320 km): breite Altersgruppe, gute Anbindung, Weinkultur
  • Malerweg (Sächsische Schweiz, 112 km): anspruchsvolles Gelände, spektakuläre Felsformationen
  • Altmühltal-Panoramaweg (Bayern, 200 km): familienfreundlich, flach bis hügelig
  • Rennsteig (Thüringen, 168 km): historische Bedeutung, ruhig, wenig Massentourismus

Das Ausrüstungsproblem: Viel Geld für wenig Notwendigkeit

Mit dem Wanderboom ist eine Industrie gewachsen, die Einsteiger gelegentlich überfordert. Gore-Tex-Jacken für 400 Euro, GPS-Uhren für 600 Euro, Trekkingstöcke aus Carbon. Das meiste davon ist für Mittelgebirgstouren schlicht nicht nötig. Erfahrene Wanderer empfehlen für den Anfang: gute, bereits eingelaufene Wanderschuhe, wasserdichte Überhose, Karte oder offline gespeicherte Route, ausreichend Wasser. Das lässt sich für unter 150 Euro zusammenstellen.

Was hingegen unterschätzt wird: die Verpflegung auf langen Etappen. Wer acht Stunden läuft, verbrennt je nach Gewicht und Tempo zwischen 2.500 und 3.500 Kilokalorien. Energieriegel ersetzen kein Mittagessen, und Hütten in Deutschland haben oft feste Ausschankzeiten. Das klingt trivial, führt aber regelmäßig dazu, dass Gruppen erschöpft ankommen, weil sie die Versorgung nicht eingeplant hatten.

Was den Unterschied zwischen Spaziergang und Wanderung ausmacht

Diese Frage klingt akademisch, ist aber praktisch relevant. Die gängige Definition orientiert sich an Dauer, Distanz und Wegecharakter: Eine Wanderung beginnt bei etwa zwei Stunden kontinuierlicher Bewegung auf unebenen oder natürlichen Untergründen. Wichtig ist das vor allem für die Vorbereitung. Wer den Unterschied ernst nimmt, packt anders ein, plant Pausen anders und wählt anderes Schuhwerk.

Zum Vergleich: Ein Stadtspaziergang von drei Kilometern auf Asphalt belastet Knie und Sprunggelenke kaum. Eine Wanderung über 18 Kilometer mit 600 Höhenmetern auf Schotter und Wurzeln ist eine andere Belastungsklasse, auch für Menschen, die sich gut in Form fühlen.

Heimat neu sehen lernen

Was viele Wandernde berichten, ist eine veränderte Wahrnehmung der eigenen Region. Orte, die man jahrelang nur aus dem Autofenster kannte, erscheinen anders, wenn man sie zu Fuß durchquert. Ein Flusstal, ein Bergkamm, ein Waldstück mit 200 Jahre alten Buchen. Heimat als Begriff hat immer auch mit Vertrautheit durch Erfahrung zu tun, und Wandern schafft genau diese Art von Erfahrung, langsam, körperlich, unabgelenkt.

Das erklärt vielleicht, warum der Trend sich anders anfühlt als frühere Outdoor-Moden. Er ist weniger spektakulär, weniger instagrammable als Klettersteige oder Hochgebirgstouren. Dafür ist er zugänglicher, günstiger und deutlich nachhaltiger als eine Flugreise. Und er beginnt oft direkt vor der Haustür.

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Ueber den Autor

Sabine Krüger

Sabine Krüger ist Reisejournalistin und Kulturredakteurin mit Leidenschaft für die versteckten Schätze Deutschlands. Sie hat alle 16 Bundesländer bereist und schreibt über Sehenswürdigkeiten, regionale Besonderheiten, Traditionen und Reiseziele abseits der ausgetretenen Pfade.

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